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So geht Wertschätzung - Teil 6 | Eine Kolumne von Bernhard Poetschki

So geht Wertschätzung - Teil 6 | Eine Kolumne von Bernhard Poetschki

Wertschätzung braucht nicht immer Zeit.
Aber sie braucht einen echten Moment.

 


Bernhard Poetschki:
"Manche Leistungen werden erst sichtbar, wenn der Mensch, der sie jahrelang erbracht hat, fünf Wochen krankheitsbedingt ausfällt. Plötzlich heißt es nicht mehr: „Das läuft doch automatisch“, sondern: „Weiß jemand, wie sie das immer gemacht hat?“


 

Der Moment, den ich verpasst habe

Montagmorgen. Neun Uhr. Das erste Teammeeting der Woche.

Ich hatte mir vorgenommen, eine Mitarbeiterin vor dem gesamten Team ausdrücklich zu loben. Am Freitagnachmittag hatte sie kurz vor Toresschluss noch eine wichtige Ergänzung in einer neuen Betriebsvereinbarung zur Arbeitszeit durchgesetzt.

Sie war hartnäckig geblieben, hatte sich nicht mit einem schnellen „Das brauchen wir nicht“ abspeisen lassen und damit einen Punkt geklärt, der uns künftig viele Fragen und vermutlich auch einige Korrekturen ersparen würde.

Das wollte ich würdigen. Nicht beiläufig, sondern richtig. Vor dem Team.

Während ich noch über diesen Worten brütete und auf meine Notizen schaute, kam ein Mitarbeiter zu mir.

„Ich habe am Wochenende noch einmal über die Rückrechnung aus der letzten Woche nachgedacht. Wir hatten doch keine Erklärung gefunden. Ich glaube, ich habe die Lösung.“

Ich hörte kaum zu.

„Ja, ja“, sagte ich und schrieb weiter, ohne den Blick vom Papier zu nehmen.

Er blieb einen kurzen Moment stehen, drehte sich dann irritiert um und verließ den Raum.

Das Teammeeting begann. Ich lobte die Mitarbeiterin. Wahrscheinlich sogar mit den richtigen Worten.

Erst danach fiel mir die andere Szene wieder ein.

Ich hatte Wertschätzung sorgfältig vorbereitet – und sie im selben Moment verpasst. Die Gelegenheit war fürs Erste vorbei.

Die Reaktion zählt

Wer erst nach den richtigen Worten sucht, übersieht manchmal den richtigen Moment.

Wir denken bei Wertschätzung gern an Jahresgespräche oder ein besonders gut formuliertes Feedback. Der größte Teil unserer Zusammenarbeit findet aber nebenbei statt.

Morgens im Flur. Beim Kaffee. Nach einer schwierigen Rückfrage. In dem Augenblick, in dem jemand sichtbar erleichtert ist, weil ein Problem endlich gelöst wurde.

Wertschätzung entscheidet sich oft in wenigen Sekunden: in der unmittelbaren Reaktion auf einen Menschen.

Dabei erleben Menschen Zusammenarbeit genau dort. Nicht in dem, was offiziell gesagt wird. Sondern in dem, was täglich passiert – meistens, ohne dass es jemand bemerkt.

Zuhören, bevor der Moment vorbei ist

Ein Kollege kommt herein. Bei einer Abrechnung ist er unsicher und möchte meine Einschätzung.

Ich höre zu. Zumindest glaube ich das.

Während er den Sachverhalt erklärt, lese ich auf dem Bildschirm weiter, beantworte nebenbei eine Nachricht und nicke an den passenden Stellen. Am Ende sage ich: „Ja, das klingt nachvollziehbar.“

Er schaut mich kurz an.

„Was genau klingt für dich nachvollziehbar?“

Gute Frage.

Formal wurde zugehört. Menschlich eher nicht.

Wertschätzung kann in genau diesem Moment etwas sehr Unspektakuläres sein: Hände weg von der Tastatur, Blick hoch, dreißig Sekunden echte Aufmerksamkeit.

Oder ehrlich: „Ich kann dir gerade nicht vernünftig zuhören. Ist es dringend, oder sprechen wir in einer halben Stunde in Ruhe?“

Beides ist besser als die verbreitete Kombination aus körperlicher Anwesenheit und geistigem Homeoffice.

Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuhören. Denn viele wichtige Hinweise kommen nicht als sauber formulierte Eskalation. Sie fallen in einem Nebensatz:

„Mit der Schnittstelle stimmt irgendetwas nicht, aber schon gut – wir bekommen das irgendwie hin.“

„Schon gut“ bedeutet dabei erstaunlich oft: Es ist überhaupt nicht gut. Ich möchte nur gerade kein Fass aufmachen.

Wer solche Sätze überhört, verpasst möglicherweise ein Risiko, eine Überlastung oder einen Fehler, der sich gerade ankündigt.

Wertschätzung heißt hier nicht, sofort eine Lösung zu präsentieren. Sondern zuerst: den Satz nicht im Raum verhungern zu lassen.


Lese-Tipp:
So geht Wertschätzung! | Teil 1
Die Kolumne von Bernhard Poetschki

 

 


Sichtbar machen, was sonst selbstverständlich bleibt

„Danke euch allen für den Einsatz“ ist freundlich gemeint. Es ist aber ungefähr so persönlich wie „Sehr geehrte Damen und Herren“.

„Danke, dass du gestern die unklaren Zeitdaten noch einmal geprüft und korrigiert hast.“

„Mir ist aufgefallen, dass du der neuen Kollegin trotz des Zeitdrucks die einzelnen Schritte in Ruhe erklärt hast.“

„Dein Hinweis zu den Prämiennachzahlungen hat uns einige unangenehme Korrekturen erspart.“

Plötzlich wird sichtbar, was sonst untergeht: nicht nur das Ergebnis, sondern der konkrete Beitrag eines Menschen.

In jedem Team gibt es Aufgaben, die fast niemand bemerkt, solange sie erledigt werden. Jemand stellt Prüflisten bereit, erinnert an Fristen oder dokumentiert einen Sonderfall so, dass ihn drei Monate später noch jemand versteht.

Manche Leistungen werden erst sichtbar, wenn der Mensch, der sie jahrelang erbracht hat, fünf Wochen krankheitsbedingt ausfällt. Plötzlich heißt es nicht mehr: „Das läuft doch automatisch“, sondern: „Weiß jemand, wie sie das immer gemacht hat?“

Wertschätzung bedeutet deshalb auch, bewusst wahrzunehmen: Wer hält hier eigentlich im Stillen alles zusammen? 

Raum geben – und nicht sofort korrigieren

In Teammeetings wird sehr schnell sichtbar, wessen Beiträge Gewicht haben.

Besonders beliebt: Ein ruhiger Kollege macht einen Vorschlag, der kaum Reaktion auslöst. Zehn Minuten später formuliert jemand anderes denselben Gedanken lauter – und plötzlich ist es eine hervorragende Idee.

Gerade von Menschen, die sich seltener zu Wort melden, kommen oft besonders durchdachte Hinweise.

Manchmal reichen kleine Eingriffe:

„Moment, ich würde gern erst noch hören, was Thomas dazu sagen wollte.“

Oder:

„Der Gedanke kam gerade schon von Thomas. Thomas, möchtest du ihn noch weiter ausführen?“

Wer im Gespräch Raum bekommt, erlebt: Mein Beitrag zählt. Wer ständig unterbrochen wird, spart sich irgendwann die Mühe.

Viele von uns verfügen über eine beeindruckende Fähigkeit: Wir entdecken in zehn Sekunden genau die eine Stelle, die noch nicht perfekt ist. Die anderen 98 Prozent gelten als selbstverständlich.

Fehler müssen benannt werden. Wertschätzung bedeutet nicht, aus einer falschen Abrechnung eine kreative Variante zu machen.

Aber die Reihenfolge wirkt.

Ich kann gut mit Zahlen und entdecke in einer riesigen Excel-Tapete Ungereimtheiten, während andere noch die Überschriften lesen. Statt zu sagen: „Die Aufbereitung ist sehr klar. An einer Stelle sollten wir die Berechnung noch einmal prüfen“, platzt es aus mir heraus: „Da stimmt etwas nicht.“

Und ja: Dafür hätte ich mir im Nachhinein mehr als einmal selbst in den Hintern treten können.

Der Unterschied liegt nicht in der Kritik. Sondern darin, ob vorher überhaupt jemand die Leistung gesehen hat.


Podcast-Tipp:
PAYROLL TRIFFT POWERFRAU
Annette Bastigkeit zu Gast bei uns.


Kein Werkzeugkasten, sondern Haltung

Wertschätzung verliert ihre Wirkung, wenn sie nur noch wie eine erlernte Führungstechnik abgespult wird.

Oft reicht wenig: ehrliche Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, einen Menschen nicht nur nebenbei wahrzunehmen.

Es gehört auch dazu, manches zu unterlassen: nicht im Weggehen fragen, wie es jemandem geht, wenn für die Antwort keine Zeit ist. Nicht jedes Problem sofort relativieren.

Wertschätzung lässt sich nicht per Rundmail einführen. Man kann nur Bedingungen schaffen, unter denen sie im Alltag wahrscheinlicher wird.

Gerade in der Payroll, wo gute Arbeit häufig unsichtbar bleibt, solange alles korrekt läuft, machen diese kleinen Reaktionen einen Unterschied.

Der große Moment für Wertschätzung kommt selten. Der kleine kommt ständig.

Manchmal braucht es nur, den Blick zu heben, nachzufragen, jemanden ausreden zu lassen oder einen Beitrag nicht als selbstverständlich hinzunehmen.

Im Kalender ist dieser Moment kaum messbar. Im Erleben eines Menschen kann er einen ganzen Arbeitstag verändern.


Und jetzt du!

Welchen dieser kleinen Momente hast du heute genutzt? Und welchen verpasst?

Ich bin gespannt auf deine Gedanken – gerne direkt in den Kommentaren bei LinkedIn.


Wer ist Bernhard Poetschki?

Bernhard ist selbständiger Interim Manager für effektive HR-Lösungen.

Sein Ziel und beruflicher Antrieb ist Menschen und Organisationen in Bewegung zu bringen. Nach 17 Jahren im  Anstellungsverhältnis – unter anderem als Teamleiter sowie Leiter Personal & Soziales – hat Bernhard 2002 den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt.

Seitdem unterstützt er Unternehmen als HR Interim Manager, Berater und Dienstleister.

Besonders erfüllend findet er's, wenn aus Ideen Ergebnisse werden - und Veränderung nicht nur geplant, sondern tatsächlich erlebt wird.


 


Die Podcast-Folge mit: Bernhard Poetschki 
EIN MANN SIEHT LOHN 


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